In Aktion

Der Eurovision Song Contest als Fest der Vielfalt

Freude, queere Sichtbarkeit und politische Symbolik: Warum der Eurovision Song Contest mehr ist als ein Fernsehereignis, erläutert der ESC-Forscher Dr. Peter Rehberg.

Ausgabe 2 | 2025

Interview: Carola Hoffmeister

Herr Rehberg, erinnern Sie sich, wie Sie das erste Mal mit dem Eurovision Song Contest (ESC) in Kontakt kamen?

Peter Rehberg: Ich bin in den 1970er Jahren in Hamburg aufgewachsen, noch bevor es Internet und Privatfernsehen gab. Samstagabends saßen wir als Familie im Wohnzimmer, der Vater schlief irgendwann ein, und plötzlich war da dieses große, glitzernde Spektakel im Fernsehen. Eine Mischung aus Familienabend, Popshow und Fenster in die große weite Welt mit verschiedenen Sprachen; fast wie ein kleines Fest zu Hause, das uns mit Wohnzimmern in ganz Europa verband.

Historisch betrachtet schwankte der ESC insbesondere in den 1980er Jahren zwischen Spießigkeit und Weltoffenheit.

Rehberg: Ja, aber auch wenn einzelne Auftritte manchmal brav wirkten, waren sie Teil eines großen Spektakels. Gleichzeitig zeigt der ESC, wie Unterhaltung und politische Symbolik zusammenkommen. Deutschland nutzte ihn, um nach Krieg und Holocaust ein neues Bild von sich zu vermitteln. Die Inszenierung junger Frauen wie Nicole, die 1982 mit „Ein bisschen Frieden“ im Alter von 16 Jahren den Wettbewerb gewann, oder später der 19-jährigen Lena, wendet sich dabei bewusst ab vom militärischen Erbe.

Eine Art Familienfest – und zugleich ein Fest aus queerer Perspektive?

Rehberg: Genau. Ich bin schwul, und der ESC war für viele queere Menschen ein Ort der Sichtbarkeit und Identifikation. In den 1990er Jahren begannen wir, ESC-Partys in schwulen WGs zu feiern. Der Sieg der Transgender-Sängerin Dana International 1998 für Israel war dann so etwas wie das Coming-out des ESC als queeres Event. Danach konnte das Fernsehpublikum die queere Kultur beim ESC nicht mehr ignorieren. Obwohl die European Broadcasting Union (EBU) immer behauptet, der ESC wäre unpolitisch, hat er unwillkürlich eine politische Dimension. Zuletzt zeigte sich das drastisch auch im Fall von Israel. In den vergangenen beiden Jahren gab es wegen des Kriegs in Gaza als Folge des Überfalls der Hamas auf Israel Straßenproteste gegen die Teilnahme Israels am Wettbewerb. Beim ESC in Malmö konnte die israelische Teilnehmerin ihr Hotelzimmer nicht mehr ohne Polizeischutz verlassen. Gleichzeitig bekam Israel auch viel Unterstützung vom TV-Publikum und erreicht sehr gute Platzierungen. Jetzt kündigten mehrere Länder an, beim ESC 2026 in Wien nur teilnehmen zu wollen, wenn Israel ausgeschlossen wird. Der ESC ist eben nicht nur ein globales Fest der Musik, der queeren Sichtbarkeit und kulturellen Vielfalt, sondern zugleich immer auch in politische Konflikte eingebettet.

„Der ESC kann in restriktive Kontexte hineinwirken, temporäre Allianzen schaffen und Grenzen verschieben.“

Welche Rolle spielt das Publikum?

Rehberg: Bis in die späten 1970er saßen die Zuschauenden – oft Repräsentantinnen und Repräsentanten von Rundfunkhäusern oder der Musikindustrie – wie bei einer Theateraufführung im Publikum. Seit den späten 1990ern rückt die EBU die Fans ins Bild: Lange Kamerafahrten zeigen die Stimmung, Flaggen, besonders die Regenbogenflaggen, und machen die Zuschauenden zu Mitspielenden im ESC-Theater. So konstituierte sich die Marke ESC, wie wir sie heute kennen, als kollektives, kulturelles Fest. Und natürlich ist die Veranstaltung auch jenseits der queeren Community ein Riesenspektakel: Viele Menschen verfolgen das Finale bei Public Viewings in Kinos, Bars oder speziellen Eventlocations und feiern gemeinsam die Show. Der ESC ist die größte TV-Show der Welt, mit mehr Zuschauenden als der Super Bowl in den USA.

Der ESC wird von der EBU organisiert. Hat gerade dieser Rahmen queere Sichtbarkeit und queeres Feiern ermöglicht?

Rehberg: Ja, das ist das Paradoxe: Eine Show aus dem öffentlich-rechtlichen System wurde zu einem globalen Ort queerer Identifikation, auch wenn die Unterstützung für die queere Community von Seiten der EBU vielleicht nicht immer so eindeutig ist. Seit dem ESC in Basel im Jahr 2025 sind beispielsweise nur noch Nationalflaggen erlaubt. Ursprünglich bezog sich das Verbot auf palästinensische Fahnen und sollte politische Konflikte vermeiden. Dabei wurden jedoch auch Pride-Symbole wie Regenbogenflaggen ausgeschlossen. Die queere Community bleibt dennoch entscheidend für die Popularität des ESC – die wichtigsten Fanforen und Social-Media-Kanäle stammen aus dieser Szene. In Deutschland prägten außerdem schwule Moderatoren wie Thomas Hermanns das Ereignis.

Auch Russland hat sich die queere Ästhetik teilweise angeeignet.

Rehberg: Genau. Ein bekanntes Beispiel ist das Pop-Duo t.A.T.u., das Russland 2003 vertreten hat. Zwei junge Frauen, die lesbisches Begehren als Marketingstrategie inszenierten. Russland nutzte das als Soft-Power-Instrument, während die Rechte von LGBTQI+ im Land massiv eingeschränkt waren. 2009, beim ESC in Moskau, war von dieser Pose nichts mehr zu sehen: t.A.T.u. standen wieder auf der Bühne, diesmal vor einer Militärkapelle. Das zeigt, wie schnell Symbole der Popkultur von subversiven Gesten zu staatlichem Pathos umgedeutet werden können.

Und gleichzeitig hat der ESC immer wieder subversive Momente.

Rehberg: Ja, der Sieg von Conchita Wurst im Jahr 2014 ist das beste Beispiel. In jenem Jahr der Krim-Annexion gewann sie für Österreich – und erhielt beim Televoting auch Stimmen aus Russland, obwohl die russische Regierung gegen Conchita hetzte. Der ESC kann in restriktive Kontexte hineinwirken, temporäre Allianzen schaffen und Grenzen verschieben.

Wir beobachten auf der weltpolitischen Bühne gerade an vielen Stellen einen Aufschwung konservativer, autoritärer oder populistischer Kräfte. Könnte dies einen Einfluss auf den ESC haben?

Rehberg: Das ist vorstellbar. Rechtspopulisten könnten den ESC auch auf ihre Weise nutzen. Die Geschichte zeigt bisher ein gemischtes Bild. Autokratische Staaten wie Russland, Weißrussland, Ungarn oder die Türkei haben bis vor nicht allzu langer Zeit am ESC teilgenommen. Die Türkei gewann 2003 den ESC. Später entschieden sich diese Länder, nicht mehr mitzumachen, weil ihnen der Wettbewerb „zu queer“ geworden war. Conchita Wurst wurde damals von ihnen als Symbol eines „dekadenten Europas“ wahrgenommen, von dem sie nichts wissen wollten. Ungarn und die Türkei sind also freiwillig ausgeschieden, Russland wurde nach dem Angriffskrieg auf die Ukraine 2022 ausgeschlossen.

Als Langzeitdozent des DAAD an der University of Cincinnati unterrichten Sie German Studies, Media Studies und Queer Studies und bieten in diesem Zusammenhang einen Kurs über den ESC an. Wie bekannt ist der ESC in den USA – und beeinflusst die aktuelle politische Entwicklung die Rezeption des ESC im Land?

Rehberg: Der ESC ist hier kein Massenphänomen, aber durchaus bekannt, und das Interesse wächst. Beim ersten Kurs hatten wir nur sechs Anmeldungen, diesmal sind es 30 Studierende. Wir sprechen in der Klasse im Zusammenhang mit dem ESC natürlich auch über Sexualität als Menschenrecht und Diversität im Allgemeinen. Das Klima hat sich seit Donald Trumps zweiter Amtszeit spürbar verändert: Die Programme an der Hochschule, die Studierende aus sozial benachteiligten Gruppen unterstützten, wurden bereits beendet. Die Studierenden sind insgesamt verunsichert. Mit diesen Prozessen – dem Wegfall von Förderungen, der Veränderung des gesellschaftlichen Klimas – müssen wir in der ESC-Klasse direkt umgehen und Wege für ein kritisches Gespräch finden. Mich als Forschenden interessieren die Dynamiken, die sich in solchen gesellschaftlichen Transformationsprozessen entwickeln. –

Dr. Peter Rehberg lehrt seit 2022 als German Studies Dozent des DAAD am Department of East European, Asian, and German Studies an der University of Cincinnati. Er forscht zu Queer Theory, Visual Culture und Popular Culture. Ein besonderer Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf dem Eurovision Song Contest, zu dem er zahlreiche akademische und journalistische Texte verfasst hat.