In Aktion

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“

Drei ehemalige Fellows des Berliner Künstlerprogramms des DAAD tragen mit künstlerischen Arbeiten zu einer Ausstellung des Bundestags anlässlich des ­Jubiläums des Grundgesetzes bei.

Ausgabe 2 | 2025

Text: Corina Niebuhr

Mit der feierlichen Verkündung des Grundgesetzes wurde am 23. Mai 1949 die Bundesrepublik Deutschland gegründet. Versammlungsfreiheit, Meinungsfreiheit oder das Recht auf körperliche Unversehrtheit sind seither als Grundrechte im Grundgesetz fest verankert und schreiben die fundamentalen Freiheits- und Gleichheitsrechte fest, die die Menschen dem Staat gegenüber haben. Anlässlich des 75. Jahrestags im vergangenen Jahr hat der Kunstbeirat des Deutschen Bundestags das Ausstellungsprojekt „WIR. 19 Grundrechte. 19 künstlerische Positionen. Ein Gesprächsraum“, initiiert, das bis Juni 2026 im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus in Berlin zu sehen ist.

 

19 deutsche und internationale Künstlerinnen und Künstler, darunter drei ehemalige Fellows des Berliner Künstlerprogramms des DAAD, haben sich je mit einem Artikel des Grundgesetzes auseinandergesetzt. Entstanden sind sehr unterschiedliche und persönliche Arbeiten, ­Collagen, Skulpturen, Malerei, Installationen, Drucke und Fotografien.

 

Die namibische Künstlerin Tuli Mekondjo reflektiert zum wichtigsten Artikel des Grundgesetzes, Artikel 1: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Ihre Arbeit „Kwariri Nyoko Kevako: Echoes of the Matriarchs“ setzt sich mit der brutalen Kolonialherrschaft in Deutsch-Südwestafrika um 1900 auseinander. Fünf Leinwände hat sie zu einer riesigen sinnbildhaften Landkarte Namibias zusammengenäht und mit feinen Linien bestickt, die die Eisenbahnlinien der deutschen Kolonialmächte nachzeichnen, während deren Bau Tausende von Leiharbeitende ums Leben kamen. Eine dünne rote Linie markiert die Grenze, die die Deutschen zwischen Nord- und Südnamibia zogen. Sie habe Ethnien, Stammesgruppen und Familien separiert, sagt die Künstlerin. „Noch heute erwachsen aus der damaligen geografischen Aufteilung Feindschaften und der Mangel eines Gemeinsinns für das ganze Land.“

 

Tuli Mekondjo war 2022 bis 2023 als Fellow des Berliner Künstlerprogramms des DAAD zu Gast in Berlin. „Der Aufenthalt ermöglichte mir, mich mit Menschen aus der ganzen Welt zu vernetzen und Kontakte zu Museen zu knüpfen. Ich konnte sogar die Sammlungsdepots des Ethnologischen Museums besuchen – solche Einblicke hätte ich ohne das Programm niemals erhalten.“ Artikel 1 des Grundgesetzes zu gestalten, habe sie als ­große Ehre empfunden, sagt sie. „Wir tragen ein Trauma der Generationen in uns und werden bis heute oft als weniger bedeutend wahrgenommen. Doch wir haben ein Recht darauf, Raum einzunehmen, Fragen zu stellen, Restitutionen einzufordern. Nach und nach erhalten wir unsere Würde und die unserer Ahnen zurück.“

 

Zwischen die Linien hat Tuli Mekondjo in der Arbeit koloniale Fotografien von Frauen aus Archiven transferiert. Dadurch holt sie die ­Ahninnen ins Jetzt, würdigt sie als individuelle Persönlichkeiten und stellt bereits kanonisierte Narrative infrage. „Die Frauen Namibias haben inmitten von Leid und Tod die Kultur, die Traditionen und die Fruchtbarkeit bewahrt“, so Tuli Mekondjo. „Ihre Stimmen werden uns wie ein Echo immer begleiten.“

Mit der von Verfolgung und Gewalt geprägten Vergangenheit sowie den Lebenswelten ihrer Kultur beschäftigt sich auch die polnisch-romani Künstlerin Małgorzata Mirga-Tas, Fellow des ­Berliner Künstlerprogramms von 2022 bis 2023. Sie setzt sich seit Jahrzehnten für die Belange von Angehörigen der Roma ein. Für die Ausstellung illustrierte sie den Artikel 6, „Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz des Staates“ mit dem Stoffgemälde „Zilli Schmidt. Every Day Is #ROMADAY“. Es zeigt, fast lebensgroß, eine ältere Frau, die in einem Sessel sitzt.

 

Warum eine Einzelperson das Thema Familie repräsentiert, erschließt sich mit Kenntnis der Hintergründe. Zilli Schmidt wurde 1924 in Thüringen als Kind katholischer Eltern geboren. Doch als Angehörige der Sinti galt die Familie den Nationalsozialisten als „rassisch minderwertig“. Alle wurden in Auschwitz vergast, allein Zilli Schmidt überlebte. Später erinnerte sie sich: „Mein Kind, meine Eltern, meine Schwester mit sechs Kindern. Das siebte, ein Baby, hatte man ihr aus Eger nachgeschickt, wie ein Paket. Der Junge starb direkt nach der Ankunft, er war zehn Monate alt.“

 

Für Mirga-Tas steht Zilli Schmidts Schicksal stellvertretend für den Völkermord an den Sinti und Roma während des Nationalsozialismus. Der Titel verweist auch auf das 2015 gegründete Bündnis ROMADAY, das Solidarität mit der größten Minderheit Europas zeigt und ein Zeichen gegen Antiziganismus setzt.

 

Der Ukrainer Boris Mikhailov, Fellow des Berliner Künstlerprogramms von 1996 bis 1997, gilt als einer der wichtigsten Fotochronisten des (post-)sowjetischen Alltags – provokant, experimentell und unerschrocken. Der Ausstellung steuerte er eine digitale Fotocollage ohne Titel bei. Sie thematisiert Artikel 19 des Grundgesetzes. Dieser Artikel besagt, dass der Staat die Grundrechte nicht verändern darf.

„Es geht am Ende immer nur um Freiheit und Hoffnung.“

Boris Mikhailov

Mikhailovs Bild hält einen spektakulären Moment fest: Zu sehen ist eine weiße Taube, die im Flug von einer schwarzen Krähe angegriffen wird. Diese Szene hat sich 2014 tatsächlich so zugetragen. Damals rief der Papst auf dem ­Petersplatz zum Frieden in der krisengeschüttelten Ukraine auf und ließ weiße Tauben steigen. Die Krähenattacke folgte auf dem Fuße.

 

„Es war für uns alle wie ein böses Omen“, erinnert sich Boris Mikhailov. Er hatte Fotos von der Fernsehübertragung gemacht. Zehn Jahre später nutzte er die symbolträchtige Aufnahme und kombinierte sie mit Fotos von einem Gleitschirmflieger, Sinnbild der persönlichen Freiheit. Mikhailov kommentiert: „Leben und Freiheit sind die unverletzlichen Rechte eines jeden. Nicht der Käfig, sondern das Fliegen sollte das Ziel von Gesetzen sein. Alles, was den freien Flug behindert, muss verurteilt werden. Der Segelflieger und die Taube, die fliehen konnte, sind frei aufzusteigen. Es geht am Ende immer nur um Freiheit und Hoffnung.“ —

Erfahren Sie im Video mehr über die namibische Künstlerin Tuli Mekondjo und ihre Arbeit für das Ausstellungsprojekt.