Im Dialog

„Karneval ist lebendig geblieben, weil er sich ändern kann“

Rheinischer Karneval und Schwäbisch-Alemannische Fastnacht gehören zum Immateriellen Kulturerbe in Deutschland. Historiker Dr. Jeremy DeWaal und Literaturwissenschaftler Pascal Hein über Identität und Gemeinschaft beim Feiern.

Ausgabe 2 | 2025

Protokoll: Ulrike Scheffer

Jeremy DeWaal: Die deutsche Kulturgeschichte gehört zu meinen Forschungsschwerpunkten. Insbesondere interessiere ich mich für Traditionskonzepte und die Geschichte von Emotionen. In diesem Kontext beschäftigt mich auch der Rheinische Karneval. In der Form, wie wir ihn heute kennen, mit Prunksitzungen und den großen Straßenumzügen mit Mottowagen, gibt es ihn seit dem 19. Jahrhundert. Das Bürgertum wurde in dieser Zeit tonangebend, der Karneval in der Folge organisierter.

 

Pascal Hein: Dabei geht der Ursprung des Karnevals auf das Mittelalter zurück, ebenso wie bei der Schwäbisch-Alemannischen Fastnacht, zu der ich forsche. Ich sammle literarische Zeugnisse der Kneipenfastnacht und digitalisiere sie für die Forschung. Ausgangspunkt des Karnevals war der christliche Festkalender. Kurz vor Beginn der Fastenzeit hat man noch einmal über die Stränge geschlagen. Man hat geschlemmt, viel Alkohol getrunken und gefeiert. Auch sexuelle Ausschweifungen prägten früh diese Zeit.

 

DeWaal: Das war deutlich exzessiver, als wir es heute kennen. Der mittelalterliche Karneval ist verknüpft mit einer drastischen Symbolik aus dem Reich der Sünde. Man lachte oft über das Leid anderer, ergötzte sich regelrecht daran. Empathie hatte im Karneval keinen besonderen Stellenwert. Das hat sich in der Moderne gewandelt. Seit dem 19. Jahrhundert gilt im Rheinischen Karneval das Motto „Allen wohl und niemand weh“. Der Karneval wurde zunehmend als eine gesunde Quelle von Freude und Miteinander verstanden.

 

Hein: Im Südwesten entwickelte sich der Karneval ähnlich. Aus der Völlerei wurde der minutiös durchgeplante Saalkarneval mit renommierten Sprecherinnen und Sprechern auf der Bühne, mit Tusch und Uniform. Gleichzeitig erlebte auch die traditionelle Schwäbisch-Alemannische Straßenfastnacht mit ihren vollmaskierten Figuren einen neuen Aufschwung.

 

DeWaal: Im Rheinland hielt man deutlich weniger an mittelalterlichen Formen fest, auch wenn sie nicht ganz verschwunden sind. Es gibt weiter Närrinnen und Narren und Narrenschiffe, die Narrenzahl 11 und andere Bezugspunkte. Ihre inhaltliche Symbolik hat sich in der Moderne jedoch verändert.

 

Hein: Die Bevölkerung weiß meist gar nicht genau, wie vor 100 oder 200 Jahren gefeiert wurde. Der bewusste Bezug auf die Geschichte spielte im Südwesten erst nach dem Ersten Weltkrieg eine Rolle, als die französischen und deutschen Autoritäten die Fastnacht unter dem Vorbehalt erlaubten, dass nur „historisch wertvolles Brauchtum“ weiter praktiziert werden dürfe. Erst da begannen die Vereine, ihre Geschichte zu betonen. Das spiegelte sich auch in den Namen: Plötzlich hießen Vereine „Historische Narrenzunft“.

DeWaal: Überhaupt ist die Etikettierung von Karneval als kulturelles Erbe eine moderne Sichtweise – nicht nur in Deutschland, sondern auch anderswo in Europa, in Nord- und Südamerika. Am Beispiel des Rheinischen Karnevals wird das sehr deutlich. Der kulturelle Behauptungswille der Rheinmetropole Köln spielte eine wesentliche Rolle bei der Einführung des neuen Rheinischen Karnevals in den 1820er-­Jahren. Kurz nach der Auflösung des Heiligen Römischen Reiches, als Köln auch seinen Status als freie Reichsstadt verlor, wurde der Karneval mit reichen lokalpatriotischen Inhalten gefüllt, um die Bedeutung der Stadt zu unterstreichen. Politisch war der Karneval aber schon immer; seine politischen Aspekte waren jedoch viel komplexer, als man oft denkt. Er konnte je nach Kontext sowohl Hierarchien infrage stellen als auch bestätigen.

 

Hein: Was wir auch schon sehr früh sehen, sind Klassenidentitäten. So spielten die Zünfte eine zentrale Rolle, es gab einen starken bäuerlichen und später bürgerlichen Einfluss, verbunden mit entsprechenden, sich wandelnden Brauchpraktiken.

 

DeWaal: Der Karneval ist lebendig geblieben, weil er sich ändern kann. Mit der Kolonialisierung verbreitete sich der Karneval auf andere Kontinente. Dort entstanden neue Formen durch neue kulturelle Elemente, die zum Teil wiederum den europäischen Karneval beeinflusst haben. In Portugal beispielsweise ist viel aus dem brasilianischen Karneval übernommen worden. Das Verständnis von Karneval und seiner Bedeutung hat sich im Lauf der Zeit stark geändert. Deshalb bin ich nicht sicher, ob es sinnvoll ist, den Karneval zum UNESCO-Kulturerbe zu erklären. Wenn er wie ein Fossil aufbewahrt wird, könnte das eine Gefahr für den Fortbestand und die Entwicklung sein.

 

Hein: Solange Fastnacht und Karneval weiter in der lebendigen Interaktion praktiziert werden, halte ich diese Gefahr nicht für allzu groß. Etwas anderes wäre es, wenn sich die Feierlichkeiten wie in Venedig zu reinen Aufführungen wandeln würden. Dort hat man sogar einen Regisseur engagiert. So wurde aus dem Karneval eine Inszenierung für Touristinnen und Touristen, die sich kaum noch auf überlieferte Bräuche bezieht.

 

DeWaal: Das gemeinschaftliche Element von Karneval gehörte stets zum Wesen seiner Tradition. Schon während der Reformation hoben seine Verteidiger diesen gemeinschaftsbildenden Aspekt hervor. In Gebieten, in denen Karneval nach der Reformation verboten wurde, suchte man bewusst nach alternativen gemeinschaftsstiftenden Momenten, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern.

 

Hein: Diese Aufgabe kann er auch heute erfüllen. Voraussetzung ist, dass möglichst breite Bevölkerungsschichten in die Gestaltung und Organisation der Festlichkeiten einbezogen werden. Das ist auch die stärkste Prävention gegen Übergriffe oder Gewalt im Karneval. Vereine und Zünfte sollten in Schulen gehen und Menschen, die vielleicht nicht in diese Tradition hineingeboren sind, aufklären, wie der Karneval funktioniert und wie man sich beteiligen kann. Dann werden wir noch lange Freude an Karneval und Fastnacht haben. —

Dr. Jeremy DeWaal ist Senior Lecturer in Europäischer Geschichte an der University of Exeter, Großbritannien. Er wurde mit einem Forschungsstipendium des DAAD im Fach Geschichte an der Universität zu Köln gefördert. Zur Karnevalszeit reist er regelmäßig dorthin.

Pascal Hein ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Digital Humanities am Institut für Literaturwissenschaft der Universität Stuttgart. Privat engagiert er sich in mehreren Fastnachtsvereinen.