Interview: Gunda Achterhold
Wenn Hochschulen an ihre Gründung erinnern
Feiern, zurückblicken – und vielleicht die eigene Geschichte aufarbeiten: Dr. Anton F. Guhl forscht dazu, wie Hochschulen Gründungsjubiläen begehen, und erklärt, warum das eine Chance für Historikerinnen und Historiker sein kann.
Herr Guhl, was fasziniert Sie an Hochschuljubiläen?
Anton F. Guhl: Das Jubiläum ist ein Ort, an dem sich Vergangenheit und Gegenwart begegnen – das finde ich spannend. Als Geschichtswissenschaftler habe ich einen spezifischen Blick auf die Beschäftigung mit der Vergangenheit. Beim Jubiläum weitet sich dieser Blick, es hat etwas von einer Demokratisierung: Das Jubiläum bleibt nicht mehr Domäne von Historikerinnen und Historikern, sondern der Kreis der Menschen, die sich für Geschichte interessieren, und auch der Mitwirkenden an der Geschichtsschreibung, vergrößert sich.
Sie sprechen von „inszenierter Geschichte“. Was meinen Sie damit?
Guhl: „Staging History“ ist der Titel eines Sammelbandes, den ich gemeinsam mit Gisela Hürlimann, Professorin in Dresden, herausgegeben habe. Wir beschreiben damit das „Aufführen“, das Interpretieren von Geschichte. Beim Jubiläum geht es weniger um das Vergangene selbst, sondern um den Blick aus der Gegenwart heraus auf eine Vergangenheit. Geschichte wird somit im Jubiläum zusammengesetzt.
Eine Jubiläumsfeier wird häufig über viele Jahre vorbereitet, sie bindet Kapazitäten und Ressourcen, die an Hochschulen oftmals sehr begrenzt sind. Lohnt sich der Aufwand?
Guhl: Jeder Euro kann nur einmal ausgegeben werden. Es ist also im Kern ein Ressourcenkonflikt. Der Wiener Historiker Mitchell Ash kritisiert dabei eine häufige „Eventisierung“, dass Jubiläen also vor allem als öffentlichkeitswirksame Veranstaltungen begangen werden. Tatsächlich macht es große Unterschiede, ob das Marketing im Vordergrund steht oder eine geschichtswissenschaftliche Befassung. Wir sehen viele positive Beispiele von Hochschulen, die sich frühzeitig Gedanken machen und Forschungsprojekte anstoßen. Und tatsächlich werden zentrale Forschungsergebnisse im Kontext von Jubiläen erarbeitet.
Jubiläen bieten also einen doppelten Mehrwert: Auf der einen Seite werden in diesem Zusammenhang aufschlussreiche Forschung und Wissenschaft angestoßen, zugleich ergeben sich Anknüpfungspunkte für das Marketing?
Guhl: Wer das Interesse hat, möglichst vielen Menschen von seiner Hochschule zu erzählen, der kann das Jubiläum geschickt zu diesem Zweck nutzen. In Marketingdimensionen gedacht, sind die Berührungspunkte mit dem Publikum sehr hoch. Was Historikerinnen und Historikern häufig aufstößt, sind verkürzt erzählte Geschichten – und das passiert natürlich schnell. Aus meiner Sicht als Geschichtswissenschaftler ist das Jubiläum aber zugleich eine Chance: eine Gelegenheit, unser Handwerkszeug einer methodisch abgesicherten Darstellung von Geschichte auch Nichthistorikerinnen und -historikern anzubieten und das Geschichtshandeln der Hochschule einzuordnen.
„Bei Jubiläen geht es um den Blick aus der Gegenwart auf eine Vergangenheit.“
Manchmal hat man den Eindruck, als begegneten einem Hochschuljubiläen aktuell gehäuft. Ist das tatsächlich mehr geworden in den vergangenen zehn, zwanzig Jahren?
Guhl: Ich denke, es kommt uns nur so vor. Hochschulen feiern ihre Jubiläen jedoch schon seit Jahrhunderten und erinnern mit einem Festakt an ihre Gründungsgeschichte. Tatsächlich gibt es aber aufgrund der Expansion im tertiären Bildungsbereich heute mehr Hochschulen als früher und damit mehr Mitspieler. Zudem führt der Trend der Professionalisierung des Wissenschaftsmanagements – vor allem auf der Leitungsebene – auch zu neuen Formen der Öffentlichkeitsarbeit. Diese setzt neue Botschaften, die über neue Medien transportiert werden sollen – und Emotionen haben eine größere Bedeutung. Auch der DAAD setzt zu seinem 100-jährigen Bestehen zum Beispiel auf Soziale Medien wie Instagram.
Welche Interessen verfolgen Hochschulen im Jubiläum?
Guhl: Außenkommunikation ist ein zentrales Motiv im Jubiläumshandeln. Als Einrichtungen, die auf einen Geldgeber angewiesen sind, geht es Hochschulen darum, die eigene Relevanz zu markieren. Und das ist gar nicht so einfach. Wie signalisiert dieses doch irgendwie amorphe Gebilde „Hochschule“ der Außenwelt seine Bedeutung? Hierbei spielen das Gewordensein, die Geschichte und der Verweis auf vergangene Erfolge eine große Rolle. Zugleich konstituiert sich die Hochschule im Jubiläum als die Einheit, die sie im Alltagshandeln oft nicht darstellt – oder im Empfinden ihrer Angehörigen der unterschiedlichen Statusgruppen nicht empfunden wird.
Das Jubiläum wirkt also auch nach innen?
Guhl: Ja, auf jeden Fall. Wobei besonders spannend ist, dass sich die Ziele mit jedem Jubiläum ändern können. Gerade junge Einrichtungen nutzen Jubiläen zur Identitätsstiftung. Ich habe das für das 19. Jahrhundert am Beispiel der Polytechnika untersucht, das sind Vorläufer der heutigen Technischen Universitäten. Auch an den Gesamthochschulen, die in den 1970er-Jahren entstanden sind, zeigt sich dieses Phänomen sehr deutlich. Da wird zum Teil alle fünf Jahre zurückgeschaut: Im Jubiläum wird so das eigene Selbstbild konstruiert.
Welche Rolle spielen Alumnae und Alumni bei den Jubiläumsfeiern von Hochschulen?
Guhl: Eine große. Es waren die Polytechnika, die Mitte des 19. Jahrhunderts die Bedeutung ihrer Ehemaligen erkannten. Es wurden Briefe geschrieben, Zeitungsannoncen aufgesetzt, um herauszufinden, was aus den allesamt männlichen Absolventen geworden ist, und um zu zeigen, in welch relevanten Bereichen sie tätig wurden – beispielsweise im Eisenbahnwesen.
Und heute?
Guhl: In Deutschland ist der Bezug zur Alma Mater weniger stark ausgeprägt als zum Beispiel in den USA. Deshalb bieten Jubiläen für Hochschulen eine besondere Gelegenheit, mit ihren Alumnae und Alumni in Kontakt zu treten. Nicht selten werden berühmte Ehemalige für Festvorträge in Jubiläumskontexten eingeladen. Und allgemein lässt sich feststellen, dass Hochschulen immer häufiger Stellen schaffen, um ihre Ehemaligen professionell zu betreuen.
Es gibt unterschiedliche Konzepte, wie sich Jubiläen feiern lassen. Sie haben als Kurator in Karlsruhe daran mitgewirkt, die Geschichte des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) anhand von 100 Objekten zu erzählen.
Guhl: Ein Ansatz, der durch den britischen Kunsthistoriker Neil McGregor bekannt und schon häufig adaptiert wurde. Artefakte erzählen Geschichten und werfen Schlaglichter auf die Vergangenheit. In Karlsruhe haben wir über einen „Call for Objects“ innerhalb der Stadtöffentlichkeit und am KIT um Objektvorschläge gebeten, die persönliche, mit dem KIT verbundene Geschichten erzählen. Ein besonders berührendes Dokument war ein Fotoalbum eines früh verstorbenen Absolventen. Seine Kommilitonen hatten darin die gemeinsame Studienzeit festgehalten. Dieses Objekt zeigt zugleich, dass das Studium im Leben der meisten Menschen als eine positive, von Jugend und Freiheitsgraden geprägte Zeit in Erinnerung bleibt.
Stärken persönliche Geschichten das Wirgefühl?
Guhl: Jubiläen dienen der Konstruktion von Einheit einer komplexen Realität. Am KIT haben wir 100 Geschichten erzählt mit dem Ziel, über diese Teile etwas vom Ganzen zu verstehen. Beim Jubiläum zu 100 Jahren DAAD sehe ich dieses Muster übrigens auch. Hier liegt der Schwerpunkt auf den Geschichten der Alumnae und Alumni. Der DAAD präsentiert sich als Summe der vielen kleinen Impulse und Veränderungen im Leben von Menschen, die einen Auslandsaufenthalt machen konnten, von einer Förderung profitierten, und nun als Alumnae und Alumni Teil eines weltweiten Netzwerks sind. —
Dr. Anton F. Guhl ist Historiker. Am Karlsruher Institut für Technologie untersuchte er, wie Hochschulen seit 1800 ihre Gründungsjubiläen begehen. Aktuell arbeitet er an der Leuphana Universität Lüneburg im Team der Graduate School.