Text: Christina Henning
Zeugnisse der Erinnerung
DAAD-Stipendiatin Yuliia Kotvytska erzählt in einem Ausstellungsprojekt von getöteten ukrainischen Studierenden – und feiert damit ihre Leben.
Sie werden ihr Studium nie beenden, ihren Abschluss nicht feiern, keinen akademischen Titel tragen: Studierende, die im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine gestorben sind. Das von ukrainischen Studierenden initiierte Projekt „Unissued Diplomas“ hat ihre Geschichten festgehalten und erzählt sie anhand von Bild-Text-Collagen, die an Abschlusszeugnisse erinnern. Mitinitiiert hat das Erinnerungsprojekt die ukrainische Masterstudentin Yuliia Kotvytska. Die 23-Jährige studiert mit einem DAAD-Masterstipendium an der Universität Bremen International Relations – Global Politics and Social Theory und engagiert sich in einem Team von mehr als hundert Mitwirkenden in dem Projekt. Derzeit plant sie eine Ausstellung der „Unissued Diplomas“ in Bremen in Kooperation mit der Bremer Senatskanzlei.
Die Diplome, die nie verliehen wurden, erzählen die Geschichten von 40 Studierenden: von einer 17-jährigen Musikstudentin, die beim Überqueren einer Brücke von einem Geschoss getroffen wurde; von einer jungen Mutter, die Landschaftsarchitektur studierte und in deren Haus eine Bombe einschlug; und von Hlib, einem Freund von Yuliia Kotvytska. „Wir studierten zusammen in Kyjiw. In den Pausen unterhielten wir uns immer über Filme und was wir als nächstes schauen wollten“, erinnert sie sich. „Er war einer der Ersten, der sich zum Militär meldete. Er starb an der Front.“
In Gesprächen mit Familien und Freunden der Getöteten sammelte das Team ihre Geschichten und dokumentierte sie in Ausstellungen weltweit. „Es entwickelte sich eine Kettenreaktion“, sagt Kotvytska. Viele Besucherinnen und Besucher seien danach motiviert gewesen, selbst eine Ausstellung zu organisieren und so die Aufmerksamkeit für das Projekt zu steigern. Bis 2025 wurden die „Unissued Diplomas“ in mehr als 300 Ausstellungen in rund 30 Ländern auf fünf Kontinenten gezeigt.
„Ich habe erlebt, welche Kraft im Erzählen liegt. Indem wir den Verlusten ein Gesicht und eine Geschichte verleihen, schaffen wir ein tieferes Verständnis dafür, was Krieg bedeutet,“ sagt Kotvytska. „Es sind nicht nur Zahlen, es sind echte Geschichten, es sind ihre Leben.“ Neben diesem Sichtbarmachen verfolgt das Projekt das Ziel, Spenden für junge Menschen zu sammeln, die ihr Studium aufgrund des Angriffskriegs unterbrechen mussten. „Auf diese Weise zeigen wir unsere Dankbarkeit – wir, die wir unser Studium im Ausland weiterverfolgen können.“
Wenn Yuliia Kotvytska an die Zukunft denkt, wünscht sie sich, ein Projekt wie die „Unissued Diplomas“ nicht mehr gestalten zu müssen. Doch bis Frieden in der Ukraine eintritt, ist es für sie eine Form des Widerstands. „Wir gedenken des Lebens, das nicht stattfinden konnte und zu früh genommen wurde, – und gleichzeitig feiern wir das Leben, das die Studierenden leben konnten.“ —
Lernen Sie Yuliia Kotvytska im Videoporträt kennen – und erhalten Sie einen Eindruck von den „Unissued Diplomas“.