Die Bedeutung des Weltraums hat sich in den vergangenen Jahrzehnten fundamental gewandelt. Obgleich nie ein gänzlich entpolitisierter Forschungsraum, ist er heute ein hochgradig umkämpftes und für die weitere ökonomische Entwicklung überaus strategisches Terrain. Die klassische Leitidee des Weltraumvertrages von 1967, der den Weltraum als friedlichen Raum für die gesamte Menschheit konzipierte, scheint durch diese Realität zunehmend überholt worden zu sein. Dual-Use-Technologien, geopolitische Rivalitäten, aber auch ansteigende kommerzielle Interessen haben eine neue Phase der Astropolitik eingeleitet, in der Macht, Abhängigkeit sowie Sicherheits- und Resilienzfragen zentrale Kategorien darstellen.
Die wirtschaftliche Dynamik dieser Entwicklung ist erheblich: Die globale Raumfahrtökonomie legt jährlich durchschnittlich um rund 9 Prozent zu und könnte sich bis 2035 verdreifachen. Untersuchungen zufolge wird die globale Raumfahrtökonomie bis dahin ein Volumen von über 1,5 Bill. Euro erreichen. Satellitenkonstellationen, neue Trägersysteme und privatwirtschaftliche Innovationen etwa durch Unternehmen wie SpaceX, Blue Origin oder die in Bremen sitzende OHB transformieren den Markt für Trägerraketen, Kommunikation, Navigation und Erdbeobachtung.
Doch mit diesem technischen Fortschritt wächst auch die Abhängigkeit moderner Gesellschaften von weltraumgestützter Infrastruktur. Wer über satellitenbasierte Zeitnorm-, Kommunikations- und Beobachtungssysteme verfügt und den Zugang hierzu für Dritte kontrolliert, besitzt erheblichen Einfluss. Für Europa und speziell für Deutschland ist es daher entscheidend, die eigene technologische und sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit im Weltraum bewusster und zielführender auszugestalten.
Die erhebliche Verletzlichkeit moderner Staaten durch und im Weltraum ist längst nicht mehr nur theoretischer Natur, wie am Beispiel des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine deutlich wird: Bereits zu Beginn der Invasion gelang es Russland, die ukrainische Kommunikations- und Orientierungsfähigkeiten durch einen Hack der von Kiew genutzten Viasat-Satelliten massiv zu stören – ein Vorgehen, welches nur durch die schnelle Bereitstellung kommerzieller Satellitenkommunikation über das privatwirtschaftliche Starlink sowie durch westliche Aufklärungsinfrastruktur abgefedert werden konnte. Es trug entscheidend zur Abwendung einer Niederlage der Ukraine in den ersten Kriegsmonaten bei. Der Krieg in der Ukraine zeigt überdeutlich: Der Weltraum ist zu einem operativ entscheidenden Faktor moderner Kriegsführung geworden.
Gleichzeitig wird die internationale Ordnung im Weltraum zunehmend fragmentiert. Programme wie die von den USA geführten Artemis Accords – ein internationales Bündnis zur erneuten Erkundung der Mondoberfläche und zum Aufbau einer nachhaltigen Präsenz unter Beteiligung von Partnern wie der europäischen Weltraumorganisation ESA, Japan und Kanada – auf der einen, und die chinesisch-russische International Lunar Research Station auf der anderen Seite stehen nicht nur für technologische Konkurrenz, sondern für divergierende Ordnungsmodelle. Der Wettbewerb um Standorte und Ressourcen – insbesondere, aber nicht nur auf dem Mond als „achtem Kontinent“ – sowie die ernste Problematik von Weltraummüll verschärfen diese Entwicklung.
Vor diesem Hintergrund erscheint es umso problematischer, dass weite Teile der deutschen Öffentlichkeit, aber auch der Hochschulen häufig noch immer einer Form von „Weltraumblindheit“ unterliegen: Die Allgegenwärtigkeit der Kritischen Infrastruktur Weltraum und ihre hohe Relevanz für das Funktionieren hochmoderner Industrie- und Wissensgesellschaften ist wenig bekannt und wird akademisch jenseits der Technik- und Ingenieurwissenschaften nur unzureichend bearbeitet. Der Weltraum wird vielfach als technisches Spezialfeld betrachtet – nicht als strategisches Thema.
Diese Wahrnehmung greift jedoch deutlich zu kurz und ist im Grunde sogar gefährlich. Weltrauminfrastruktur bildet das unsichtbare Rückgrat moderner Gesellschaften. Der Weltraum ist zugleich untrennbar mit globalen Zukunftsfragen verknüpft. Ohne Raumfahrt und damit verbundene Weltraumtechnologien und Satellitendaten lassen sich die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen kaum realisieren und globale Herausforderungen wie Klimawandel, Entwicklungsfragen oder Ernährungssicherheit nicht effektiv bewältigen. Die Stellvertretende UN-Generalsekretärin Amina Mohammed bezeichnet den Weltraum daher zutreffend als „Fundament unserer Gegenwart“.
Nachhaltiger Erfolg im Weltraum in Form von wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit und sicherheitspolitischer Souveränität erfordert neben der notwendigen ingenieurwissenschaftlichen Spitzenleistung ebenso eine fundierte astropolitische, ökonomische und rechtliche Reflexion. Wer den Weltraum gestalten will, muss ihn strategisch denken. Nur wenn Deutschland diese holistische Perspektive einnimmt, wird es seine Interessen, Werte und Sicherheitsbedürfnisse im Weltraum dauerhaft selbstbestimmt bewahren können.
Es ist sehr positiv, dass die deutsche Politik die Relevanz des Feldes erkannt hat: Deutschland verfügt heute über ein handlungsfähiges Raumfahrtministerium, eine ambitionierte und vollwertige Weltraumsicherheitsstrategie sowie – nicht zuletzt getragen von der zentralen Rolle der Deutschen Raumfahrtagentur und der hohen Dynamik des Space Innovation Hub – über schlagkräftige und sachkundige institutionelle Strukturen im Bereich der Raumfahrt. Vor diesem Hintergrund wäre auch hochschulpolitisch eine strategische Neuausrichtung dringend geboten. Der Aufbau astropolitischer, astrokommerzieller und weltraumrechtlicher Expertise an den deutschen Universitäten ist dringend notwendig – sei es über Stiftungsprofessuren, Umwidmung bestehender Lehrstühle oder im Rahmen der Exzellenzstrategie des Bundes und der Länder. Staaten wie die USA und China, aber auch Frankeich und Russland sind hier weiter und haben entsprechende akademische Cluster entwickelt. In Deutschland gibt es indes bislang keine Professur mit einer Denomination etwa für Strategische Raumfahrtpolitik oder Raumfahrtökonomie – bei bundesweit immerhin knapp 16.000 Professorinnen und Professoren in den Rechts-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften.
Die strategischen Realitäten des Weltraums müssen anerkannt und die bestehenden technischen und akademischen Fähigkeiten verbessert beziehungsweise aufgebaut werden, um die eigenen Werte in dieses dynamische Zukunftsfeld kraftvoll, selbstbewusst und strategisch aussichtsreich einbringen zu können. Die Geschichte lehrt, dass europäische Handlungsfähigkeit häufig erst unter dem Druck von Krisen entsteht. Im Falle des Weltraums wäre es ratsam, diese Notwendigkeit frühzeitig zu erkennen. Denn eines ist klar: Wer den Weltraum übersieht, übersieht gleichsam eine der wesentlichen Grundlagen der zukünftigen globalen Ordnung auch hier auf der Erde. ―