Interview: Ulrike Scheffer
„Leben ist ein kosmischer Imperativ“
Der Astrophysiker und DAAD-Alumnus Professor Zaza Osmanov versteht seine Arbeit als kosmische Archäologie: Er sucht nach technischen Spuren außerirdischer Zivilisationen im All. Sein Fazit: Wir sind nicht allein.
Herr Professor Osmanov, wie kamen Sie dazu, sich der Suche nach außerirdischem Leben zu widmen?
Zaza Osmanov: Meine Forschungsschwerpunkte sind Schwarze Löcher, Neutronensterne und kosmische Strahlung. Dabei stößt man unweigerlich auf die Frage, ob wir allein im Universum sind. Wir wissen heute, dass das Leben auf der Erde vor mindestens 3,5 Milliarden Jahren entstand – quasi in dem Moment, als unser Planet die nötigen Bedingungen dafür bot. Das legt den Schluss nahe: Leben ist eine Art kosmischer Imperativ. Die Gesetze der Physik und Chemie sind im gesamten Universum identisch. Wenn wir also anderswo ähnliche Ausgangsbedingungen vorfinden, ist es hochgradig wahrscheinlich, dass dort ebenfalls Biologie entsteht.
Halten Sie es für möglich, dass im Universum noch andere intelligente Wesen existieren?
Osmanov: Das Universum umfasst mindestens eine Billion Galaxien, und allein unsere Galaxie hat mindestens 100 Milliarden Sterne, von denen wiederum mindestens 30 Prozent von Gesteinsplaneten ähnlich der Erde umkreist werden. Warum also sollte es nur uns geben? Und nicht nur das: Die Sterne in der Milchstraße sind um Millionen Jahre älter als unsere Sonne, es könnte daher deutlich höher entwickelte Zivilisationen geben als unsere. In der Forschung sprechen wir von Typ-II-Zivilisationen nach der sogenannten Kardaschow-Skala. Wir Menschen stehen in dieser Skala aktuell bei einem Entwicklungsstand von etwa 0,75 und bräuchten wohl noch tausend Jahre, um Typ I zu erreichen.
Um die Existenz außerirdischer Zivilisationen zu belegen, suchen Sie gemeinsam mit anderen Astrophysikerinnen und -physikern nach sogenannten Technosignaturen. Was genau verbirgt sich hinter diesem Begriff?
Osmanov: Technosignaturen sind technische Spuren anderer Zivilisationen im Universum. Wenn eine Zivilisation technologisch weit fortgeschritten ist, wird sie unweigerlich Strukturen im All errichten, um ihren enormen Energiebedarf zu decken. Selbst wenn diese Zivilisation längst vergangen ist, bleiben diese Strukturen als Artefakte bestehen – ähnlich wie unsere ausgedienten Satelliten, die als Weltraumschrott um die Erde kreisen. Um solche Technosignaturen zu finden, nutzen wir modernste Teleskope und physikalische Modelle. Stellen Sie sich das wie eine Art kosmische Archäologie vor.
Welche Art von technischen Strukturen könnten hoch entwickelte Zivilisationen im All errichten?
Osmanov: Der Physiker Freeman Dyson stellte einst die These auf, dass hoch entwickelte Zivilisationen ihren Heimatstern komplett mit einer Hülle umbauen, um dessen gesamte Energie abzugreifen. Um genug Baumaterial für so eine gigantische Kugel zu erhalten, müsste eine Zivilisation jedoch alle Planeten und Asteroiden ihres Sonnensystems zerstören. Ich gehe daher davon aus, dass Sie eher Pulsare nutzen, das sind extrem dichte und schnell rotierende Neutronensterne. Pulsare haben einen Radius von rund zehn Kilometern und strahlen große Energiemengen ab. Eine Typ-II-Zivilisation könnte zur Energiegewinnung eine ringförmige Struktur um den Pulsar errichten. Das erfordert nur einen Bruchteil des Materials, zerstört nicht das heimische Planetensystem und ist energetisch weitaus effizienter.
Es geht also um die Suche nach Technosignaturen solcher „Solaranlagen“?
Osmanov: Ja, aber es gibt noch eine andere Möglichkeit der Nachweisführung: Nach den Gesetzen der Thermodynamik muss jede genutzte Energie letztlich als Abwärme ins All abgegeben werden. Wir suchen zugleich mit Infrarotteleskopen nach genau dieser verräterischen Wärmestrahlung solcher Ringstrukturen.
Sie gehen auch davon aus, dass außerirdische Zivilisationen Schwarze Löcher als gigantische Festplatten nutzen – auch das könnte helfen, ihre Existenz zu beweisen. Wie muss man sich das vorstellen?
Osmanov: Jede fortgeschrittene Zivilisation benötigt immense Rechenleistung. Mathematisch und quantenphysikalisch lässt sich beweisen, dass kleine Schwarze Löcher die effizientesten Datenspeicher im Universum sind. Wenn eine Zivilisation ein solches Schwarzes Loch als Quantencomputer nutzt, entsteht dabei eine spezifische Strahlung – die sogenannte Hawking-Strahlung. Diese Strahlung enthält unter anderem Elementarteilchen namens Neutrinos. Wenn große Neutrino-Observatorien bestimmte, unnatürliche Energiespitzen messen, könnte das der Beweis für einen galaktischen Supercomputer sein. Wir haben Informationen für Beobachterinnen und Beobachter vorbereitet, in denen genau beschrieben wird, worauf sie achten sollten.
Wäre diese Forschung ohne internationale Zusammenarbeit überhaupt denkbar?
Osmanov: Weltweit gibt es nur wenige Forschungseinrichtungen, die über die erforderliche Technik für diese Art der Forschung verfügen. Auch die Zahl der Forschenden ist relativ überschaubar. Kooperationen sind daher existenziell für mein Forschungsfeld – und Förderprogramme, wie die des DAAD. Stipendien des DAAD haben mir ermöglicht, mit Max-Planck-Instituten in Heidelberg und München zusammenzuarbeiten. Diese Projekte waren sehr wichtig für meine spätere Karriere.
Falls es überlegene Zivilisationen wirklich geben sollte, müssten sie dann nicht von uns wissen?
Osmanov: Es ist durchaus möglich, dass sie uns bereits gefunden haben. Andererseits müssen wir die kosmischen Maßstäbe begreifen. Wir sind erst seit etwa 100 Jahren technologisch so weit entwickelt, dass wir starke Radiosignale aussenden. Diese Signale breiten sich mit Lichtgeschwindigkeit aus und haben bisher eine Blase von etwa 100 Lichtjahren Durchmesser im All gefüllt. Das ist ein winziger Bruchteil unserer Galaxie. Wenn sich innerhalb dieser Blase eine Typ-II-Zivilisation befindet, weiß sie von uns. Wenn sie weiter entfernt ist, hat unsere Existenz sie schlichtweg noch nicht erreicht. —
Prof. Dr. Zaza Osmanov ist Astrophysiker und Partner des SETI-Instituts (Search for Extraterrestrial Intelligence) in den USA. Aktuell forscht er an der Freien Universität Tbilissi in Georgien und ist stellvertretender Dekan der dortigen Fakultät für Physik. Als DAAD-Alumnus engagiert er sich auch weiterhin für den akademischen Austausch und unterstützt die Arbeit des DAAD beispielsweise als Jury-Mitglied des Falling Walls Labs 2025 in seinem Heimatland Georgien.