Im Austausch

Brücken für die Zukunft der Germanistik

Seit 30 Jahren ehrt der Jacob- und Wilhelm-Grimm-Preis herausragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf dem Gebiet der Germanistik – und schafft damit Aufmerksamkeit und Chancen.

Ausgabe 2 | 2025

Text: Hendrik Bensch

Wenn Professor Albert Gouaffo auf den Spuren deutscher Kolonialgeschichte forscht, dann empfindet er das mitunter als schmerzhaft. Deutsche Museen und Archive seien im Umgang mit dem kolonialen Erbe mittlerweile auf einem guten Weg, sagt er. „Doch wenn ich Museumsmagazine betrete, wirken sie auf mich zum Teil noch immer wie Friedhöfe. Viele Objekte wurden in der Kolonialzeit aus ihrem sozialen und spirituellen Kontext gerissen und dadurch ihrer symbolischen Bedeutung beraubt.“

 

In einem gemeinsamen Projekt mit der Kunsthistorikerin und DAAD-Alumna Professorin Bénédicte Savoy hat er einen „Atlas der Abwesenheit“ erstellt. Darin dokumentieren sie erstmals systematisch mehr als 40.000 kamerunische Kulturgüter, die bis heute weitgehend unbeachtet in deutschen Museumsdepots lagern. Es ist ein Teil der vielfältigen Tätigkeiten, für die der kamerunische Literatur- und Kulturwissenschaftler in diesem Jahr mit dem Jacob- und Wilhelm-Grimm-Preis ausgezeichnet wurde.

„Die Preisträgerinnen und Preisträger zeichnen sich dadurch aus, dass sie durch ausgeprägte internationale Netzwerke Brücken für den akademischen Austausch und die Zukunft der Germanistik bauen.“

Dr. Muriel Helbig, Vizepräsidentin des DAAD

Bereits seit 30 Jahren verleiht der DAAD die Auszeichnung an internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für herausragende Arbeiten auf den Gebieten der germanistischen Literatur- und Sprachwissenschaft, Deutsch als Fremdsprache sowie Deutschlandstudien. Er würdigt Personen, die durch ihre Lehr- und Forschungstätigkeit im Ausland in besonderem Maße zur internationalen akademischen Kooperation und zur kulturellen Verständigung beitragen. In diesem Jahr wurde der Preis im Rahmen des Kongresses der Internationalen Vereinigung für Germanistik im österreichischen Graz verliehen. DAAD-Vizepräsidentin Dr. Muriel Helbig betonte in ihrem Grußwort die Bedeutung der Ausgezeichneten – nicht nur für ihr Fach: „Die Preisträgerinnen und Preisträger zeichnen sich dadurch aus, dass sie durch ausgeprägte internationale Netzwerke Brücken für den akademischen Austausch und die Zukunft der Germanistik bauen.“

 

Der diesjährige Preisträger Albert Gouaffo studierte, promovierte und habilitierte sich an der Universität des Saarlands. Seit 2006 ist er Professor an der Université de Dschang in ­Kamerun. Mit vielfältigen Publikationen auf Deutsch, Französisch und Englisch fördert er die interkulturelle Germanistik und die Aus­einandersetzung mit der deutschen Kolonialzeit in Kamerun. Als Gründer einer Germanistik-Fachzeitschrift und Vizepräsident des Verbandes Germanistik in Afrika Subsahara engagiert er sich zudem für die Vernetzung der Germanistik auf dem afrikanischen Kontinent. Es ist ihm wichtig, dass die Germanistik kein isoliertes Wissensfeld ist: „Sie muss gesellschaftlich anschlussfähig bleiben, etwa indem sie zur Auf­arbeitung kolonialer Geschichte beiträgt, interkulturelle Kompetenzen fördert oder Räume für gesellschaftliche Selbstreflexion schafft.“

Es sind aber nicht nur die Projekte der Preisträgerinnen und Preisträger, die etwas bewegen. Es ist auch der Grimm-Preis selbst, der etwas verändert. „Mein Preis hatte damals eine positive Wirkung auf die Entwicklung unseres Faches in Rumänien“, berichtet Professor Andrei Corbea-Hoişie, Preisträger im Jahr 2000. „Ich vermute, dass seine Symbolik auch zu einer höheren Wertschätzung der gesamten Zunft im Land seitens deutscher und ausländischer Kolleginnen und Kollegen beitrug.“ Professorin Yixu Lü, Preisträgerin im Jahr 2014, sieht das ähnlich: „Ich halte den Grimm-Preis für ein unverzichtbares Instrument zur Förderung der Germanistik. Der Preis macht ihre internationale Bedeutung sichtbar und sendet ein starkes Signal für ihre Zukunft.“ Die Ausgezeichneten erhalten neben einem Preisgeld auch die Möglichkeit für einen Forschungsaufenthalt in Deutschland.

 

Mit dem Jacob- und Wilhelm-Grimm-Förderpreis, der ebenfalls aus Mitteln des Auswärtigen Amts finanziert wird, ehrt der DAAD seit 2011 junge internationale Germanistinnen und Germanisten, die bereits sichtbare Verdienste bei der Erforschung und Vermittlung der deutschen Sprache, Literatur und Kultur erworben haben. In diesem Jahr erhielt die Auszeichnung die Brasilianerin Dr. Elaine Cristina Roschel ­Nunes, die sich an der Universidade Federal de Santa Catarina in Brasilien für die Ausbildung zukünftiger Deutschlehrkräfte engagiert.

 

In ihrer Dissertation hat sie ein Mentoring-Programm für angehende Lehrkräfte entworfen. Dabei setzt sie auf die Zusammenarbeit von Studierenden, Dozierenden und erfahrenen Lehrkräften, die gemeinsam auf Augenhöhe lernen. Die Mentees sollen dabei reflektieren, was sie im Unterricht erleben, sie sollen Hypothesen formulieren und ihren eigenen Stil entwickeln. „Ziel ist es, die Teilnehmenden zu ­ermutigen, eigene Ideen und Methoden zu entwerfen, die zu ihren persönlichen Erfahrungen und dem Umfeld passen, in dem sie unterrichten – anstatt einfach vorgegebene Konzepte zu übernehmen“, sagt sie. Ihr Ansatz wird bereits in einem Projekt am Sprachenzentrum der ­brasilianischen Universidade Federal de Santa Catarina umgesetzt. Künftig soll es auch Kooperationen mit Schulen in der Region geben. —