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„Deutschland und Mexiko rücken näher zusammen“

In diesem Jahr feiert die DAAD-Außenstelle in Mexiko-Stadt ihr 25-jähriges Bestehen. Mit ihrer Arbeit vernetzt sie seit einem Vierteljahrhundert Hochschulen und Forschende.

Ausgabe 2 | 2025

Text: Gunda Achterhold

Ein Schrei, der berühmte „Grito de Dolores“, eröffnet traditionell die Feierlichkeiten zum mexikanischen Unabhängigkeitstag. Mexiko ist bekannt für seine lebendigen Feste und Feiern, die oft religiöse, kulturelle oder geschichtliche Anlässe haben. Der Nationalfeiertag am 16. September ist jedoch etwas Besonderes: Im ganzen Land, in jedem Dorf wird dieses große patriotische Fest gefeiert, mit dem Mexiko an die Befreiung von der spanischen Kolonialherrschaft erinnert. Unter dem Jubel einer riesigen Menschenmenge beschwor zuletzt die 2024 gewählte Präsidentin Claudia Sheinbaum Pardo auf dem Balkon des Nationalpalastes in Mexiko-Stadt die Unabhängigkeit des Landes – als erste Frau in der Geschichte Mexikos.

Lange vor dem großen Fest flatterten schon fröhlich die Fähnchen in den Landesfarben an den Autos. „In dieser Zeit herrscht eine schöne, entspannte Stimmung“, berichtet Christoph Hansert. Seit November 2024 leitet er die DAAD-Außenstelle Mexiko-Stadt, die neben Mexiko auch Zentralamerika und die Karibik betreut. Die große Parade erlebte er auf dem Prachtboulevard Avenida Paseo de la Reforma mit. Besonders beeindruckt war er von dem „selbstverständlichen Patriotismus“, der sich an diesem Tag im ganzen Land entfaltete. „Damit grenzt sich Mexiko gegenwärtig natürlich auch gegenüber dem Druck von außen ab“, so Hansert. „Man feiert die Unabhängigkeit von Spanien, und zeigt sich damit gleichzeitig als eigener souveräner Staat, der in der Lage ist, eigene Entscheidungen zu treffen.“

Der politische Machtwechsel in den USA macht sich auch in der deutsch-mexikanischen Wissenschaftskooperation bemerkbar. „Beide Länder wollen näher zusammenrücken“, beobachtet Hansert. „Deutschland wird hier in Mexiko als Kernland Europas wahrgenommen.“ Von der promovierten Umweltwissenschaftlerin Claudia Sheinbaum erwarten viele eine sachorientierte und faktenbasierte Herangehensweise an die Herausforderungen des Landes. Wissenschaft solle wichtiger werden, um Innovationen zu unterstützen, kündigte sie in ihrer Rede zur Amtseinführung an. Im Gegensatz zu ihrem ­Vorgänger treibt die Regierungschefin eine Öffnung im internationalen Wissenschafts- und Forschungsbereich voran, auch um die nationale Technologiesouveränität langfristig zu sichern. Ein erstes Zeichen setzte sie mit der Einführung eines Forschungs- und Technologieministeriums, der Secretaría de Ciencia, Humanidades, Tecnología e Innovación (SECIHTI). Der DAAD hat bereits mehrere Gespräche zu einem möglichen Kooperationsprogramm mit dem neugegründeten Ministerium geführt. Mit dem Forschungs- und Technologierat des Bundesstaates Mexiko, dem größten der insgesamt 32 Bundesstaaten, ging bereits zu Jahresbeginn ein neues, kofinanziertes deutsch-mexikanisches Programm mit jährlich 20 Stipendien an den Start.

100 Jahre DAAD, 25 Jahre DAAD-Außenstelle Mexiko-Stadt: Mit zwei hochkarätigen Veranstaltungen wurden im November 2025 gleich beide Jubiläen mit Alumnae und Alumni sowie Vertreterinnen und Vertretern deutscher und mexikanischer Hochschulen und Wissenschaftsorganisationen gefeiert. Die im Jahr 2000 gegründete Außenstelle arbeitet eng mit den sechs Lektoraten in der mexikanischen Hauptstadt, in Monterrey, in Guadalajara und seit Kurzem auch in San Luis Potosí zusammen. Hinzu kommen ein Humboldt-Lehrstuhl am Colegio de México, zwei Langzeitdozenturen an der Universidad Nacional Autónoma de México (UNAM) und an der Universidad de Guadalajara sowie mehrere Sprachassistenzen.

„Unsere Aufgabe ist es, interessante Potenziale für Kooperationen sichtbar zu machen.“

Christoph Hansert, Leiter der DAAD-Außenstelle in Mexiko-Stadt

„Mexiko ist ein großes Land“, unterstreicht Hansert. „Legt man Mexiko über die Karte Europas, reicht es von Norwegen bis Sizilien.“ Entsprechend vielfältig ist die Hochschullandschaft. Studieren in Deutschland rund drei Millionen Menschen an rund 420 Hochschulen, sind es in Mexiko fünf Millionen an 5.500 Hochschulen. Darunter international vernetzte Spitzenuniversitäten mit starker Forschung, private Hochschulen, Hochschulen mit weitgehender Autonomie und andere, die durch das nationale Bildungsministerium stark reguliert werden. Das Team der DAAD-Außenstelle bündelt wichtige Informationen zum örtlichen Hochschulsystem und informiert zu möglichen Partnern, die zu deutschen Hochschulmodellen wie Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (HAW), Technischen Universitäten oder klassischen Volluniversitäten passen könnten. „Diese Diversität so gut wie möglich zu verstehen ist eines unserer Ziele für die Zukunft“, sagt Außenstellenleiter Christoph Hansert. „Unsere Aufgabe ist es, differenziert zu informieren über die Hochschulsysteme in den Ländern, in denen wir uns bewegen, und interessante Potenziale für Kooperationen sichtbar zu machen.“

Seine langjährige Erfahrung in der internationalen Hochschulkooperation und im Hochschulmanagement, speziell im Globalen Süden, kommt Hansert dabei zugute. Vor seinem Umzug nach Mexiko leitete er den Bereich Entwicklungszusammenarbeit und überregionale Programme im DAAD in Bonn. Für seine Aufgabe als Leiter der Außenstelle Mexiko-Stadt hat er sich vorgenommen, Wissensformate weiter zu stärken und schrittweise auch themenspezifische Angebote zu entwickeln. Recycling beispielsweise entwickele sich zu einem wichtigen Zukunftsthema in einem Schwellenland wie Mexiko, in dem der Konsum zunimmt und Rohstoffe, beispielsweise für Autobatterien, knapp sind. Deutschland werde in der Kreislaufwirtschaft als international mit führend wahrgenommen.

Auch in der Pharmazie oder in der Softwareentwicklung für die Automobilindustrie sieht er inhaltliche Schnittmengen, die für beide Länder interessant sind. Guadalajara, die zweitgrößte Stadt Mexikos, gelte als eine Art lateinamerikanisches Silicon Valley. „Viele deutsche Tochterunternehmen suchen händeringend Spezialisten in diesem Bereich“, stellt Hansert fest. Einen Fachkräftemangel gebe es nicht nur in Deutschland, sondern auch bei deutschen Niederlassungen vor allem im Norden Mexikos. Im Süden sieht er jedoch Potenzial für die Anwerbung nach Deutschland. Aber auch hier sei die Qualität der Bildung entscheidend. Es brauche noch mehr Zusammenarbeit zwischen Hochschulen vor Ort und in Deutschland, sowie potenziellen Arbeitgebern, um die Fachleute von morgen auszubilden, sagt Hansert. „Die DAAD-Außenstelle hat in 25 Jahren gezeigt, wie sehr sie Austausch und Wandel vorantreiben kann – wir werden diese Kooperationen daher nach Kräften unterstützen.“ —