Zum Nachdenken

Die Feste feiern, wie sie fallen

Feiern stiften Identität – und sind doch sehr von der Wahrnehmung der Individuen abhängig. Worin ihr besonderer Wert für Gemeinschaften liegt, erklärt DAAD-Alumnus Gregor Ahn, Professor für Religionswissenschaft.

Ausgabe 2 | 2025

Den eigenen Geburtstag feiert man in aller Regel nur ein Mal pro Jahr – an einem urkundlich festgelegten Kalendertag. Auch festliche Zeremonien wie etwa eine Königsinthronisation, die Verleihung des Nobelpreises oder die Feier zum 100-jährigen Bestehen einer Kulturinstitution folgen einem weitgehend festgelegten Prozedere und sind trotz eines größeren öffentlichen Interesses meist nur geladenen Gästen zugänglich. Private Feiern und öffentliche festliche Zeremonien scheinen also zumindest auf den ersten Blick von sehr klaren strukturellen Vorgaben und Regelmäßigkeiten geprägt zu sein.

Auch religiöse Rituale sind oft an strenge Regularien gebunden; die Datierung der kirchlichen Hochfeste wird zum Beispiel teilweise durch den Kalender der christlichen Großkirchen geregelt – so fällt Ostern nicht auf einen festen Termin wie etwa Weihnachten, sondern wird am ersten Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond gefeiert. Und in der katholischen Kirche wird die Durchführung der Gottesdienste durch die Bestimmungen des „Missale Romanum“, des offiziellen Messbuches, das Texte, Gebete und liturgische Anweisungen enthält, zwar nicht vollständig diktiert, aber als Mustervorgabe in ihrem Ablauf wesentlich vorgeprägt.

Solche teils über viele Jahrhunderte gewachsenen Traditionen sollten allerdings nicht zu dem Eindruck führen, dass es sich bei Feiern, Zeremonien und Ritualen um starre, sozusagen monolithische Entitäten handelt. Ganz im Gegenteil: Im Lauf der sich über 2.000 Jahre erstreckenden Kirchengeschichte ist es mehrfach zu Liturgiereformen mit erheblichen praktischen Auswirkungen gekommen. Und schaut man auf die Details, sind selbst kontinuierlich wiederholte Messfeiern und Gottesdienste keineswegs ­immer gleich, sondern unterscheiden sich jedes einzelne Mal so spezifisch voneinander wie die Reihe der Geburtstagsfeiern oder anderer Zeremonien, auf die wir in unserer Erfahrung zurückblicken können.

„Ein Ritual, eine Feier, eine Zeremonie hat genau den Sinn, den die Teilnehmenden dem Ereignis zuschreiben.“

Die moderne Ritualforschung der vergangenen Jahrzehnte hat diese zuvor wenig beachteten Formen der Ritualdynamik intensiv durchleuchtet und dabei spannende neue Erkenntnisse aufzeigen können. Beispielsweise wurden Teilnehmende eines Rituals befragt, welchen Sinn das Ritual habe. Ihre Antworten waren derart vielfältig und unterschiedlich, dass einige Forschende daraus folgerten, wenn das Ritual keinen allgemeinverbindlichen Sinn habe, dann habe es überhaupt keinen Sinn. Natürlich ist das ein Fehlschluss. Tatsächlich hat ein Ritual, eine Feier, eine Zeremonie eben genau den Sinn, den all die vielen oder wenigen Teilnehmenden dem Ereignis zuschreiben.

Feiern verändern sich also nicht nur strukturell in ihrem Ablauf über lange Zeiträume und im Detail auch von Mal zu Mal, sondern ihre Wahrnehmung variiert je nach individueller Interpretation. Wie das funktioniert, lässt sich leicht an einem Beispiel veranschaulichen: Wann beginnt die Feier eines Studienabschlusses? Ist es, wenn man die letzte Prüfung abgelegt hat oder die endgültige Benotung erfährt, dies privat im Kreis von Freundinnen und Freunden oder der Familie teilt, beim Erhalt eines vorläufigen Zeugnisses oder mit der Überreichung der offiziellen Urkunde im Rahmen einer Universitätsfeier? All dies kann von Person zu Person variieren. Ähnlich individuelle Deutungen wird man auch für den Beginn oder das Ende einer Geburtstagsfeier oder einer Krönungszeremonie feststellen können. Also selbst das „framing“, der Rahmen, der den Übergang von alltäglichen zu außeralltäglichen Ereignissen kennzeichnet, ist daher – ähnlich wie Sinn- und Funktionszuschreibungen – vom Verständnis der Teilnehmenden abhängig und insofern der Vielfalt von Moden, Trends und auch kulturellen Differenzen unterworfen.

Dynamische Entwicklungsprozesse von Feiern, Zeremonien und Ritualen, wie sie anhand der vorangegangenen Beispiele aufgeführt wurden, sind – wenig überraschend – auch im Kulturvergleich deutlich zu beobachten. Dies illustriert unschwer bereits ein kurzer Blick auf kulturübergreifende Themen und Topoi wie Herrschaft oder Totenbestattung, die allerdings selbst in der Wissenschaft über lange Zeit so homogenisierend verstanden wurden, dass kulturspezifische Besonderheiten nahezu verwischt wurden.

Bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts war die Geschichts- und Religionsforschung noch davon ausgegangen, dass es weltweit eine einzige, zentrale Form von Königsherrschaft gegeben habe und gebe, die als „sakrales Königtum“ bezeichnet wurde. Bei genauerem Hinsehen lässt sich allerdings kein einziges Sachkriterium benennen, das sich in all den historisch fassbaren Formen von Königtümern als gemeinsames Definitionskriterium würde identifizieren lassen. Vielmehr stellte sich heraus, dass Herrschaftsformen von der Art ihrer Legitimation bis hin zur Ausgestaltung von Inthronisationszeremonien weltweit gleichermaßen vielfältig sind wie auch die Gesellschaften selbst, in denen sie entwickelt wurden.

Ganz ähnlich verhält es sich mit Bestattungszeremonien, die von Beerdigungen über Feuerbestattungen bis zu Aussetzungen von Toten auf Bäumen oder im Urwald reichen und die jeweils ein kulturspezifisches Verständnis von Menschsein und nachtodlicher Fortexistenz widerspiegeln. Dieses Verständnis weist eine enorme Bandbreite auf und reicht von Unsterblichkeit und Auferstehung bis hin zu unterschiedlichen Vorstellungen von Reinkarnation oder einem Übergang in die Welt der Vorfahren. Die hiermit verbundenen Feiern dienen nicht zuletzt der Trauer- und Leidbewältigung für die Hinterbliebenen.

Warum feiern wir also? Menschen aller Zeiten und Kulturen haben für ihr alltägliches Zusammenleben spezielle Strukturformen entwickelt, die sozial erwünschtes Verhalten fördern und unerwünschtes unterbinden und sanktionieren sollen. Feiern stellen in diesem Kontext außeralltägliche Ereignisse dar, die in besonderer Weise gemeinschaftsfördernd und identitätsstiftend wirken. Dabei sind Feiern so vielfältig wie das Leben und die vielen Kulturen und Religionen, die uns umgeben und die wir aus der Geschichte der Menschheit kennen. Feiern werden darüber hinaus sogar sehr unterschiedlich von uns wahrgenommen und individuell interpretiert. Was aber all die angesprochenen Beispiele für Feiern, Zeremonien und Rituale auszeichnet, ist, dass Menschen aller Zeiten und Kulturen sie als eine Überhöhung ihres alltäglichen Lebens begreifen und für sich arrangieren. Als außeralltägliche Ereignisse helfen sie in unterschiedlichem Maße, dem Leben Sinn zu verleihen und Krisen wie die Erfahrung von Leid, Krankheit und Tod zu bewältigen. ―

Prof. Dr. Gregor Ahn ist Gründungsdirektor des Instituts für Religionswissenschaft an der Universität Heidelberg und war dort von 1996 bis 2025 als Professor tätig. Seine Forschungsschwerpunkte sind neben den ­Theorien der Religionswissenschaft und altiranischer Religionsgeschichte vor allem Ritualforschung und die Rolle von Religionen in digitalen Medien und Spielen. 1990 bis 1991 forschte er mit einem DAAD-Stipendium am Institute of Oriental Philology der Universität Kopenhagen zu iranischer Religionsgeschichte.