Im Überblick

Der Weltraum wird strategisch – und Deutschland positioniert sich neu

Wie Raumfahrtpolitik, internationale Partnerschaften und DAAD-Förderung zusammenwirken.

Ausgabe 1 | 2026

Text: Nicola Kuhrt

Der Weltraum rückt ins Zentrum politischer Aufmerksamkeit. Was lange als fernes Forschungsgebiet galt, ist heute Schlüsselinfrastruktur, Innovationsmotor – und geopolitisches Spannungsfeld. Entsprechend hat das deutsche Bundeskabinett im November 2025 die erste deutsche Weltraumsicherheitsstrategie verabschiedet, das Bildungs- und Forschungsministerium trägt seit der Regierungsneubildung im Mai vergangenen Jahres die Zusätze „Technologie und Raumfahrt“ im Namen. Mit dem weltweit einzigartigen Mondzentrum Luna haben das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und die European Space Agency (ESA) in Köln eine Einrichtung eröffnet, die europäische Ambitionen untermauert: Die Raumfahrt ist nicht länger Zukunftsmetapher, sondern Teil des aktuellen Geschehens.

DAAD als Brückenbauer der Weltraumforschung

Während sich Politik und Raumfahrtagenturen neu positionieren, arbeitet der DAAD bei den Themen Weltraumforschung und Raumfahrt an einer zentralen Schnittstelle zwischen globaler Wissenschaft, Nachwuchsförderung und internationaler Kooperation. Zahlreiche Programme stehen dabei dem Themenfeld offen – von Individualförderung in MINT-Fächern wie Luft- und Raumfahrttechnik, Informatik oder Ingenieurwesen bis zu strukturierten Forschungsformaten.

„Die Raumfahrt ist nicht länger Zukunftsmetapher, sondern Teil des aktuellen Geschehens.“

Eines davon ist das DLR-DAAD Research Fellow­ship Programme, das internationalen Nachwuchsforschenden Forschungsaufenthalte an DLR-Instituten ermöglicht. Jährlich sind rund 120 Fellows in der laufenden Förderung, 50 bis 60 kommen jeweils neu hinzu. Unterstützt werden Forschungsbereiche wie Satellitentechnik, Navigation, Quantenfehlerkorrektur oder Batterietechnologien für Mondmissionen. Koordiniert vom DAAD und dem DLR, ist das Programm eine zentrale Brücke für die Internationalisierung der deutschen Weltraumforschung. Der Standort Oberpfaffenhofen in der Nähe von München mit seinen Schwerpunkten in Radar und Navigationstechnologien ist besonders gefragt.

Ein weiteres Beispiel ist das Doppelpromotionsprogramm DDAp in Astrophysik zwischen dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und der Universidad Nacional de San Martín in Buenos Aires, das vom Deutsch-Argentinischen Hochschulzentrum (DAHZ) und damit vom DAAD gefördert wird. Eingebettet in die Arbeit am Pierre-Auger-Observatorium, einem der größten Astroteilchenexperimente der Welt, werden darüber seit 2015 junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler binational ausgebildet – mit mindestens einem Jahr Forschungsaufenthalt im Partnerland und einem doppelten Doktortitel. Rund 20 Alumnae und Alumni sowie 15 laufende Promotionen machen das Programm zu einem Modell erfolgreicher internationaler Hochschulkooperation.

DWIH weltweit: Raumfahrt als Diskurstreiber

Auch die Deutschen Wissenschafts- und Innovationshäuser (DWIH) greifen das Thema 2026 prominent auf. Das DWIH New York richtet mit Partnern im Mai 2026 das transatlantische Symposium „Next Frontiers“ aus. Zwei Sessions greifen das Weltraumthema direkt auf: „The Outer Space Frontier“ beleuchtet die Rolle weltraumgestützter Daten in Klima- und Umweltforschung; „The Space Ethics Frontier“ diskutiert die Frage, wem der Mond gehört – und damit zentrale rechtliche Normen für das Zeitalter neuer Mondmissionen. Das Symposium zeigt, wie Wissenschaftsdiplomatie und Zukunftstechnologien zusammengedacht werden müssen.

Das DWIH Neu-Delhi beteiligt sich 2026 am internationalen Wettbewerb INNOspace Masters, der Innovationen an der Schnittstelle von Raumfahrt und Anwendungen fördert. Das DWIH Tokyo ist durch seine institutionelle Kooperation mit dem DLR Tokyo und der japanischen Raumfahrtagentur JAXA besonders eng mit dem Thema verbunden. Bereits 2023 beleuchtete eine Veranstaltungsreihe, wie Weltraumschrott vermieden werden kann. 2026 rückt die geplante Marsmond-Mission MMX in den Fokus, für die das DLR erneut einen Rover für Untersuchungen auf dem Marsmond Phobos entwickelte. Das DWIH Tokyo greift die Mission in Fachveranstaltungen, Paneldiskussionen und Vernetzungsformaten auf, die Forschende, Raumfahrtagenturen und politische Akteure aus beiden Ländern zusammenbringen und die deutsch-japanische Zusammenarbeit in der Weltraumforschung weiter vertiefen.

Sicherheit und wirtschaftliche Dynamik

Die Raumfahrt ist ein Zukunftsfeld, setzt Europa aber im globalen Hinblick unter Zugzwang. Die ESA muss sich neu justieren – zwischen sicherheitspolitischen Anforderungen, großen Wissenschaftsprogrammen und einer zunehmend kommerzialisierten Raumfahrt. Internationale Partner wie die NASA stehen aufgrund massiver Budgetkürzungen unter Druck, während China, Indien und neue Raumfahrtnationen wie Brasilien oder Norwegen eigene Kapazitäten aufbauen. Zugleich wächst die Bedeutung orbitaler Systeme für Navigation, Kommunikation, Klimaforschung, Landwirtschaft oder Finanzen. Raumfahrt ist kritische Infrastruktur geworden – und damit politisch sensibel.

Satelliten sind heute unverzichtbar für militärische Kommunikation, Aufklärung, Navigation und Frühwarnsysteme, werden damit jedoch auch zu potenziellen Zielen in geopolitischen Konflikten. Auch Deutschland reagiert darauf institutionell: Seit der Gründung des Weltraumkommandos der Bundeswehr 2021 ist der Weltraum offiziell als eigene militärische Dimension definiert. Aufgabe des Kommandos ist es unter anderem, Bedrohungen im All zu analysieren, satellitengestützte Systeme zu schützen und die Handlungsfähigkeit Deutschlands im Weltraum zu sichern. Der Weltraum ist damit nicht nur Forschungs- und Wirtschaftsraum, sondern Teil der sicherheitspolitischen Architektur moderner Staaten.

Gleichzeitig gewinnt die Raumfahrt massiv an wirtschaftlicher Bedeutung. Unter dem Schlagwort „New Space“ treiben private Unternehmen, Start-ups und neue Geschäftsmodelle die Kommerzialisierung des Alls voran. Auf der ESA-Ministerratskonferenz 2025 in ­Bremen beschlossen die Mitgliedsstaaten mit 22,1 Mrd. Euro das bislang höchste Dreijahresbudget der Agentur. Deutschland bleibt größter Beitragszahler und erhöhte seinen Anteil deutlich. Gefördert werden damit unter anderem neue Trägersysteme, Satellitenkommunikation, Navigation sowie Dual-Use-Programme, die zivile und sicherheitspolitische Anwendungen verbinden. Raumfahrt gilt zunehmend als Investition in Wettbewerbsfähigkeit, technologische Souveränität und Wertschöpfung.

Japan im Fokus: Missionen und Partnerschaften

Auch geopolitische Verschiebungen prägen die Kooperationen. Während die Zusammenarbeit der westlichen Nationen mit Russland im All praktisch beendet ist und die USA sich stärker nach innen orientieren, wird die Achse Deutschland-Japan strategisch wichtiger. Das zeigte zuletzt die Japanreise von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Forschungsministerin Dorothee Bär im Juni 2025, die eine Wiederbelebung der deutsch-japanischen Zusammenarbeit besonders in Raumfahrtprojekten zum Anlass hatte. Höhepunkt der Reise war der Besuch der Weltausstellung Expo 2025 in Osaka, die globale Zukunftsfragen von Technologie über Nachhaltigkeit bis zur Raumfahrt in den Fokus nahm. Im Rahmen eines eigenen „Space Day“ setzte die deutsche Delegation gezielt auf wissenschaftliche und technologische Partnerschaften in der Raumfahrt.

Deutschland und Japan teilen demokratische Werte, ähnliche Herausforderungen – und gemeinsame Interessen im All. Japan und Europa könnten „viel mehr erreichen, wenn wir uns besser aufstellen“, betonte ESA-Astronaut und DAAD-Alumnus Matthias Maurer auf der Expo-Bühne in Osaka. Die bilaterale Raumfahrtvereinbarung, die nun erneuert werden soll, ist ein sichtbares Zeichen dieser neuen strategischen Nähe.

Der Weltraum ist zu einem politischen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Zukunftsraum geworden – und Deutschland stellt sich neu auf. Internationale Kooperation gewinnt dabei an Bedeutung, auch jenseits klassischer Diplomatie. Der DAAD wirkt in diesem Gefüge dort, wo internationale Zusammenarbeit konkret wird: Er fördert akademische Mobilität, qualifiziert Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler und verbindet Forschungseinrichtungen über Ländergrenzen hinweg. Damit schafft er Netzwerke, auf denen langfristige Kooperation in der Weltraumforschung aufbaut. —

Grenzenlos forschen: Wege in die Weltraumwissenschaften

Die Weltraumforschung ist längst keine reine Domäne der Physik mehr. Wer heute die Geheimnisse des Universums entschlüsseln will, findet in Deutschland exzellente Bedingungen in drei Hauptbereichen: In den Naturwissenschaften bilden (Astro-)Physik, Chemie und Biologie die Basis, um Planetenentstehung oder extraterrestrisches Leben zu unter­suchen. Ingenieurwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler – von Luft- und Raumfahrttechnik bis Robotik – entwickeln zum Beispiel die Sonden und Rover für künftige Missionen. Ein wachsendes Feld ist zudem die Biomedizin, die etwa den Einfluss von Schwerelosigkeit auf den Menschen erforscht. Viele weitere Fachbereiche tragen ebenfalls zum Forschungsfeld bei – lernen Sie einige davon in den Porträts in dieser Ausgabe kennen.