In Aktion

Kosmische Protestmusik

Für ihre Komposition „Saturn Spectrums“ forschte die Klangkünstlerin Leslie García im Archiv des Afrofuturisten Sun Ra, der behauptete, vom Saturn zu stammen. Dabei entdeckte sie die transformative Kraft von Kunst und Klang.

Ausgabe 1 | 2026

Text: Esther Sambale

Hört Leslie García das Meer rauschen, denkt die mexikanische Klangkünstlerin, Forscherin und Musikerin ans Weltall – und an ihren Heimatort Tijuana. „Der Ozean war allgegenwärtig. Als Jugendliche fing ich an, dieses Geräusch als etwas Künstlerisches zu begreifen. Das weiße Rauschen des Meeres fasziniert mich bis heute, auch, weil es dem Klang des Universums ähnelt“, sagt García. Seit sie 18 Jahre alt ist, experimentiert sie mit Klängen. „In Tijuana gab es tolle Radiosender, die elektronische Musik spielten, sowie eine lange Jazztradition. Als Kind waren die Stücke des Künstlers Sun Ra für mich so präsent wie die Musik der Beatles.“

Auf Einladung des mexikanischen Universitätsmuseums für zeitgenössische Kunst MUAC erhielt García Zugang zum Archiv des 1993 verstorbenen US-amerikanischen Jazzmusikers und Afrofuturisten Sun Ra. Für eine Ausstellung komponierte sie 2025 das 45-minütige Stück „Saturn Spectrums“. Mithilfe von KI analysierte sie mehr als 600 Kassetten und Tonbänder, darunter Mitschnitte von Proben und Konzerten aus über vier Jahrzehnten sowie Aufnahmen von Klangexperimenten, Telefonaten oder Hypnosesitzungen. „Ich fokussierte mich auf akustische Randnotizen und Störgeräusche, die ich ­etwa durch Spektraltechnik in Klangschichten verwandelte“, so García. Ihre Arbeit zeigt eine neue Seite Sun Ras. „Er war immer auf der ­Suche nach neuen Klängen – so wie ich selbst.“

In „Saturn Spectrums“ schafft Leslie García einen Klangkosmos, der die Unendlichkeit des Alls reflektiert und das Raum-Zeit-Gefühl verschiebt. „Für mich ist Klang eine Reise in eine innere Welt, in der ich mich überall wiederfinde und mit allem verbunden bin.“ Es handelt sich um eine Idee, die aus dem Latinxfuturismus stammt, den García in dem von ihr mitgegründeten Klangkunstforschungskollektiv Inter­specifics erkundet. 2025 wurde das Kollektiv
im Rahmen des Berliner Künstlerprogramms des DAAD gemeinsam mit der Matschinsky-Denninghoff-Stiftung gefördert.

Als Musikerin will sie unter dem Künstlerinnennamen Microhm Menschen jenseits von Galerien und Museen erreichen. „Kunst muss für alle da sein, nicht nur für Privilegierte. Die Tanzfläche ist ein wichtiger Ort, wenn es um Dekolonisierung geht.“ Was sie an Sun Ra beeindruckt: Er veränderte nicht nur die Musikgeschichte, er war auch eine politische Persönlichkeit, die dem afroamerikanischen Widerstand eine Stimme gab „Wir befinden uns gerade in einer Zeit, in der Widerstand notwendig ist. Klang hat die Kraft, Realität zu gestalten. Diese Kraft müssen wir nutzen.“ —