Text: Miriam Hoffmeyer
Die Raumfahrt von morgen aufbauen
Die Luft- und Raumfahrtingenieurin Julia Stankiewicz ist Trainee in der wichtigsten technischen Einrichtung der ESA und hat schon bei der NASA geforscht. 2025 rief die DAAD-Alumna ein Stipendienprogramm für raumfahrtbegeisterte polnische Studierende ins Leben.
Julia Stankiewicz hat nicht viel Zeit. Gerade ist sie dabei, ihre Arbeit bei der Europäischen Weltraumorganisation ESA abzuschließen, um sich auf ihre nächsten Schritte vorzubereiten. Seit September 2024 ist die Luft- und Raumfahrtingenieurin aus Polen Trainee im Europäischen Weltraumforschungs- und Technologiezentrum (ESTEC) im niederländischen Noordwijk, der wichtigsten technischen Einrichtung der ESA. Auch im Lunar-Gateway-Projekt zur Planung einer Raumstation für die Mondumlaufbahn hat sie mitgearbeitet: „Ich habe die Unternehmen koordiniert, die die Komponenten der Raumstation entwickeln, und dabei viel über Projektmanagement gelernt. Meine Leidenschaft ist jedoch die praktische Ingenieursarbeit: Ich habe schon immer sehr gern Dinge konstruiert und repariert.“
Seit sie als Kind mit ihrem Vater in Gdańsk Dokumentarfilme über das Hubble-Weltraumteleskop schaute, ist sie von Raumfahrttechnik fasziniert. Weil sie das englische College-Leben anzog, ging Stankiewicz zum Bachelorstudium an die University of Manchester. Bis heute hat sie in sechs Ländern studiert und geforscht. „Das hat auch mit einem Sommerjob in einer Gärtnerei in Berlin 2016 zu tun“, erzählt die 30-Jährige. „Damals habe ich mich nicht nur in die deutsche Kultur verliebt – mir ist auch bewusst geworden, wie aufregend es ist, neue Länder zu entdecken.“ Ein Jahr später ermöglichte ihr der DAAD einen Intensiv-Deutschkurs in München: „Danach hatte ich immer im Hinterkopf, für längere Zeit nach Deutschland zu gehen.“
„Der Blick in die unermessliche Weite des Universums macht mir bewusst, wie viel Unbekanntes es für die Menschheit noch zu entdecken gibt. Das treibt mich an.“
Mit einem DAAD-Graduiertenstipendium absolvierte Julia Stankiewicz ihr Masterstudium an der Technischen Universität München (TUM). Die internationale und praktische Ausrichtung des Masterstudiengangs in Aerospace Engineering mit entsprechendem Raum für Auslandsaufenthalte und Praxiserfahrungen gefiel ihr besonders gut. Bis zu ihrem Abschluss 2024 verbrachte sie nicht nur ein Auslandssemester an der Sorbonne in Paris, sondern arbeitete und forschte insgesamt fast zwei Jahre bei Raumfahrtunternehmen und -organisationen. Die wichtigste Station: ein Forschungsaufenthalt 2023/2024 im Jet Propulsion Laboratory (JPL) der NASA in Pasadena, Kalifornien. Um die sehr hohen fachlichen und bürokratischen Hürden für Studierende ohne US-Staatsangehörigkeit zu überwinden, brauchte sie viel Beharrlichkeit. So musste sie eigenständig Sponsoren für die hohen Lebenshaltungskosten während des Aufenthalts finden. Einen kleinen Teil deckte ein PROMOS-Stipendium des DAAD ab: „Das war die erste Zusage, die ich bekam, und sie hat mir Mut gemacht, dass ich es schaffen kann.“
In Pasadena programmierte Julia Stankiewicz ein Tool zur Auswertung von Satellitendaten, mit dem sich Naturkatastrophen wie Waldbrände oder Überschwemmungen überwachen lassen. Ein zweites Projekt war die Konstruktion eines Bohrgeräts zur Untersuchung von Gesteinsproben. „Man vermutet, dass auf dem Mars ähnliches Gestein vorhanden ist“, erläutert sie. Um das Jahr 2040 sollen die Proben, die der NASA-Marsrover Perseverance gesammelt hat, zur Erde gebracht und untersucht werden. „In der Raumfahrt passiert gerade enorm viel. Es beflügelt mich, dass ich einen Beitrag dazu leisten kann.“
Neben der Arbeit trainiert Julia Stankiewicz fünf Stunden pro Woche Eiskunstlauf: „Das ist meine große Leidenschaft, die ich während meines Studiums in München entdeckt habe.“ Auch ihr ehrenamtliches Engagement ist ihr sehr wichtig. Schon als Bachelorstudentin setzte sie sich dafür ein, Schulkinder für MINT-Fächer zu begeistern. 2025 schaffte sie es, selbst ein Förderprogramm zu initiieren: die „Pathfinder Fellowship“ der Rafał Brzoska Foundation, die den Großteil ihres NASA-Aufenthalts finanzierte, und der Polish Space Professionals Association (PSPA). Das Programm ermöglicht pro Jahr drei polnischen Studierenden einen Forschungsaufenthalt im JPL. Stankiewicz beteiligte sich an der Auswahl der ersten Geförderten und nutzte ihre Kontakte, um sie an Forschungsteams in Pasadena zu vermitteln. „Ich empfinde es als Privileg, dass ich so viel Unterstützung bekommen habe, und möchte etwas zurückgeben“, sagt sie.
Was sie nach dem Ende ihrer Traineezeit vorhat? „Ich mache eine einjährige Weltreise. Danach möchte ich in den USA arbeiten, und zwar am liebsten bei einem der privaten Raumfahrtunternehmen, die Raumstationen und Landefahrzeuge bauen und testen.“ Eine Green Card hat sie schon. —